Mein Weg zu nooi-Taichi

Auf meinem Weg durch die Tai Chi-Welt bin ich bis heute aus dem Staunen nicht herausgekommen,

  • Staunen über das nie Enden der Entspannung
  • Staunen über das, was man da alles an unnötigem Kämpfen - mit anderen und mit sich selbst - immer noch wieder fallenlassen kann.
  • Staunen darüber, wie wohltuend und belebend sich das jeweils neu gewonnene Friedensgebiet auf Körper, Geist und Gemeinschaft auswirkt.

Meine erste Tai Chi-Meisterin war Katya Delakova, eine Tanzpionierin aus New York und Schülerin von Cheng Man Ching und Moshe Feldenkrais, zwei Großen in der Welt der Bewegungskunst. Katya lehrte mich, Tai Chi mit der Welt zu tanzen - mit mir selbst und mit meiner Umgebung.

Jeden Tag unter freiem Himmel übend, erlebte ich nun eine für mich in ihrer Tiefe ganz neue Begegnung mit der Natur - mit Bäumen, Tieren und Landschaften, schließlich auch mit Plätzen in der Stadt und Einrichtungen meiner Wohnung. Es war jedes Mal wie eine Art Neugeburt. Je mehr ich in eine Ruhe mit mir kam, desto lebendiger wurde die Welt um mich herum.

Ich erkannte die für mich zuerst ungewöhnliche Tai Chi-Figur, die ich damals übte, wieder in den Bewegungen der Natur um mich herum. Das Buch „Das sensible Chaos“ zeigte meinem ungläubigen Verstand, dass in meinem Körper diese natürlichen Bewegungs-Formen und -Strukturen ebenso wirken.

Erst mit Meister Chu King Hu, den mein deutscher Lehrer Frieder Anders nach Frankfurt holte, trat der Kampfkunstaspekt des Tai Chi Chuan so richtig auf die Bühne, allerdings hier sehr an feste Bewegungsroutinen gebunden und im feinen Zwirn traditioneller Tai Chi-Anzüge geübt. Die kommunikative Tiefe des Tai Chi-Partnertrainings eröffnete sich mir erst seit der Begegnung mit der stil- und weltoffenen holländischen Tai Chi-Szene,

  • mit Epi van de Pol, der seit dem ein wichtiger Lehrer für mich ist und
  • mit Gastlehrern, wie Meister William C. C. Chen, der, wenn es handgreiflich wurde, auch mal im Unterhemd zur Sache ging
  • und schließlich mit Peter Ralston.

Dieser frühere Kampfkunstweltmeister, dessen Kunst des „Cheng Hsin“ die „äußeren“ Künste Aikido, Judo, Boxen mit den „inneren“ Kampfkünsten Tai Chi Chuan, Hsing I, Bagua, vereinte, wurde für lange Zeit mein wichtigster Impulsgeber in der Welt der Bewegungskunst und seine Lehren sind es bis heute. Ich entdeckte die kreative soziale  Dimension in dem Partnertraining der inneren Kampfkünste – in diesem „Push Hands“ genannten Training, das mit dem hohen Anspruch der Entspanntheit in jeder Bewegung, ja in jedem Kampf, alle Schattierungen menschlicher Kommunikation in einer sehr direkten Form durchspielt. Die Kunst des Cheng Hsin und dessen ausgefeilte Lehrlingsausbildung wurde ein Schlüssel für meine Tai Chi-orientierte Arbeit mit jugendlichen Straffälligen.

Die Ausbildung in Stillem Qigong bei Meister Zhi Chan Li gab all dem eine tiefere energetische Dimension und betonte die gesundheitliche Seite der Tai Chi-Schulung, die in meiner Fortbildungstätigkeit für Berufstätige die führende Rolle spielte. Die meditativ- energetische Dimension mischte sich mit der schwungvoll-kommunikativen Dimension der Kampfkunst und förderte das tiefe Wahrnehmen. Und eben dieses, das „Das tiefe Wahrnehmen“ war der Titel des Bewusstseinstrainings bei Helge Russ, das gewissermaßen alles zusammenhielt und mich zu neuen alten Ufern aufbrechen ließ:

Die natürlich-direkte und zweckfreie Erfahrung, meine Tai Chi-Geburtserfahrung, der Tanz mit der inneren und äußeren Natur, geriet ob der vielen Kampfkunst und Gesundheitsvorsorge etwas in den Hintergrund. Erst der Tai Chi-Unterricht ohne Worte für junge Geflüchtete im Gefängnis, die meine Sprache nicht verstanden, brachte die erneute Wende hin zu den Ursprüngen. Tai Chi pur, einfach tun, jenseits aller Worte und Schubladen, das eröffnete mir wieder diese Dimension natürlicher Bewegungskunst die alle Menschen verbindet und für alle verständlich ist.
Nooi war geboren.

Der Baum spielte dabei eine große Rolle, die Welle und eben die Bälle, die zu spielen der Gipfel des Vergnügens ist, wenn man zuvor schon viel Spaß mit all der Körpersprech-Kommunikation gehabt hat. Neben Jugendlichen aus Afghanistan, Albanien und anderen Ländern, hatten besonders die aus dem Maghreb, Marokko und Algerien, mit ihrer zugleich spritzigen und gemütvollen Art, einen großen Anteil an dieser Neugeburt meines Tai Chi. Und natürlich spielten auch etliche weitere dem Tai Chi verwandte Künste und wunderbare Lehrer:innen und Schüler:nnen eine Rolle. Ich bin ihnen allen dafür sehr dankbar.